Biken im Aostatal – Alpencross Gran Paradiso

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Auf geht’s ins Aostatal 

Mittlerweile ist es schon so etwas wie Tradition, dass wir 1x im Jahr eine Mehrtagestour Mountainbiken 🚵 in den Alpen ⛰ gehen. Dieses Jahr entschlossen wir uns zum Biken im Aostatal.

Nachdem wir bereits 2014 vom Bodensee an den Comer See geradelt sind, als auch schon die Dolomiten und Alta Rezia erkundigt haben, bin ich was Mehrtagestouren angeht zwar erfahren, aber die Alpen sind unberechenbar. In den Dolomiten hatten wir um die 32°C ♨, in der Schweiz 🇨🇭 fuhren wir auch schon über Schnee. Tourguide Matthias Heckes hat dieses mal eine Route im Aostatal vorbereitet. Die Eckdaten sind ähnlich zu den bisherigen: knapp 220 km weit und 10.000 Meter bergauf soll es gehen. Aber so hoch wie dieses Mal waren wir noch nie. Der Col Du Losson  ⛰ ist 3.299 hm über NN.

Wir sind 7 Jungs und biketechnisch gut equipet. Keines der Räder ist älter als 3 Jahre und stets wurden Upgrades an Bremsen, Reifen und Co durchgeführt.  Nach 8-9 h Anfahrt kamen wir am Samstag Abend im Aostatal an. Reisegepäck ist aufs nötigste reduziert und gewichtsoptimiert. Zahnpasta Tuben wurden zur Hälfte ausgedrückt, kostet sonst ja nur Gewicht. 2 T-Shirts, Ärmlinge, eine Regenjacke, eine kurze Bikehose, eine Radlerhose, 3 Paar Socken, Hose und Langarmshirt für den Abend, Helm und Protectoren, das muss reichen. Morgen geht die erste Etappe los unseres diesjährigen Biken im Aostatal – Tripps los.

Tag 1: Aosta ⇨ Cogne

Aosta (570 hm) ⇨ Pila (1.770 hm) (Gondel) ⇨ Piatta de Grevon (2.752 hm) ⇨ Col Tsa Setsé (2.815 hm) ⇨ Cogne (1.530 hm)

Sonntag, 13. August 2017

Wir begannen den ersten Aufstieg unseres Trips untypischerweise mit der Gondel. Somit konnten wir statt 2.300 hm unsere Tour auf 1.300 hm verkürzen. Und dennoch ging es relativ steil bergauf. Die letzten 400 hm mussten wir sogar unsere geliebten Bikes tragen. Die uns entgegen kommenden Wanderer guckten uns mindestens genau so ungläubig an, wie wir sie, denn für uns ist es einfach unverständlich, warum man sich eine so coole Abfahrt entgehen lassen kann. Auf dem Gipfel angekommen hatten wir Ausblick auf den Mont Blanc und auf das Matterhorn.

Wir hatten mega Glück mit dem Wetter, denn wir hatten durchgehend Sonnenschein und nicht zu warme Temperaturen. Man merkt schon an der Höhe, dass die Power nachlässt. Auf 2.700 hm werden die Schritte langsamer und der Atem schwerer. Aber all das konnte die technisch anspruchsvolle und stellenweise immens flowige Abfahrt kompensieren. Man merkt, dass ich was Spitzkehren angeht deutlich an Erfahrung dazu gewonnen habe. Nur die ganz üblen Dinger wollen noch nicht gelingen.

Domi ist leider an einer eigentlich harmlosen Stelle mit seinem Schienbein an den scharfkantigen Flat Paddels hängen geblieben und hat sich eine tiefere Schnittwunde zugezogen. Nach kurzer Verarztung gings für ihn etwas langsamer weiter. Auch Matthi musste eine Zwangspause einlegen, als er auf einem Feldweg einen rostigen Nagel mit seinem Hinterrad aufsammelte. Passiert eben, wenn man so viel unterwegs ist. Und noch mit Schlauch unterwegs ist 😛

show GPX File - Tag 1
volle Distanz: 18512 m
Gesamtanstieg: 1388 m
Gesamtzeit: 06:34:12
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Tag 2: Cogne ⇨ Rifugio Sogno di Berdzé

Cogne (1.530 hm) ⇨ Lillaz (1.680 hm) ⇨ Rifugio Sogno di Berdzé (2.530 hm)

Montag, 14. August 2017

Der Tag ging wettertechnisch deutlich besser als erwartet los. Wir haben uns im Ort mit Nahrungsmitteln und neuen Medikamenten eingedeckt und los ging die Tour. Die Höhenmeter waren ziemlich angenehm, da Teerstraße und nicht zu steil. In den Oberschenkeln merkt man den gestrigen Tag, aber konditionell läuft es diesmal richtig gut. Einzig die Technik fängt an zu zicken. Mein erster Gang möchte nicht drin bleiben, und so trete ich tapfer im zweiten weiter.

Relativ ärgerlich, dass diesmal nicht der Mensch, sondern die Technik das Nadelöhr ist, aber so ist es eben. Jörg hat das selbe Problem. Matthias’s Platten kam wieder, Johann’s Kette 🔗 riss. Aber das wichtigste: trotz Regenwarnung ☔ hielt das Wetter durch. An der Hütte auf 2.525 hm angekommen, gabs Brotzeit und für den tapferen Teil der Gruppe noch eine ziemlich geile und flowige Abfahrt, was für Johann, Linus, Andreas und mich extra 300 hm bedeutete. Wäre kein Problem gewesen, wenn der erste Gang funktioniert hätte. Oben angekommen konnten wir die Ursache ausmachen: die Steckachse hatte sich um ganze 7 Umdrehungen gelockert!! Jetzt passt alles.

Die Hütte ist schnuckelig, es gibt gebirgsbachkalte Duschen und Platz für 8 Betten auf 16 m². Brrr. Und obwohl die Jungs schon seit 3 Stunden draußen warteten und die letzten Sonnestrahlen genossen, schalteten die Hüttenwirte die Dusche erst auf Nachfrage auf warm. Das hielt dann auch genau für eine Person, die anderen mussten gebirgsbachkaltes Wasser in Kauf nehmen. Im Zimmer war es bitterkalt, das Frühstück bestand aus zwei Scheiben Weißbrot und Marmelade für jeden.

show GPX File - Tag 2
volle Distanz: 26753 m
Gesamtanstieg: 1764 m
Gesamtzeit: 07:12:05
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Tag 3: Rifugio Sogno di Berdzé ⇨ Rifugio di Sella

Rifugio Sogno di Berdzé (2.530 hm) ⇨ Passo del Invergneux (2.902 hm) ⇨ Cogne (1.530 hm) ⇨ Rifugio invenale Guillano Perugini (2.584 hm)

Dienstag, 15. August 2017

Zum Frühstück gab es Zwieback mit Marmelade, in der Müsli Schale wurde Kaffee ☕ gereicht. Unsere Schmutzwäsche bekamen wir gewaschen, aber patschnass zurück. Egal, die Sonne scheint und wir beginnen mit dem Trail, den wir gestern schon extra gefahren sind. Richtig schöner Flow. Und dann ging es schon wieder bergauf. Ich scheine wohl erst oberhalb von 2.200 hm so richtig zu funktionieren, denn ohne besondere Anstrengung oder viel Schnaufen fuhr und Trug ich mein bike auf 2.903 hm hoch. Was dann folgen sollte war so ziemlich das Paradies für Biker. 1.400 hm geiler, flowiger und immens rasanter Trail schlung sich durch die Berge. Die Abfahrt dauerte locker 1,5h. Biken im Aostatal verblüfft mit immens langen Abfahrten.

Was ich nicht realisiert hatte, war, dass es heute nochmal 1.100 hm bergauf ging. Und zwar ungemütliche. Es musste alles geschoben / getragen werden. 2,5h die reinste Qual. Als wir am Refugio di Sella ankamen, donnerte und regnete es. Dass Hütten auch warm und gemütlich sein können, zeigte diese Unterkunft sehr deutlich. Auch das Abendessen konnte sich sehen lassen. Für mich gab es einen Veggieburger mit Kartoffeln, Gemüse und Brei, die anderen bekamen Ragout. Hut ab! Diese Unterkuft war ihr Geld wert. Die Nacht war für mich dennoch nicht so gut, ich bin erst nach 3h eingeschlafen. Dafür klingelte der Wecker schon um 6.

show GPX File - Tag 3
volle Distanz: 32070 m
Gesamtanstieg: 2206 m
Gesamtzeit: 09:03:41
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Tag 4: Rifugio di Sella ⇨ Rifugio Savoia

Rifugio di Sella (2.584 hm) ⇨ Col du Loson (3.299 hm) ⇨ Dégoriz (1.540 hm) ⇨ Cole Manteau (2.763 hm) ⇨ Rifugio Savoia (2.536 hm)

Mittwoch, 16.August 2017

Der erste Aufstieg

Es ging mit nasser Bike Hose weiter bergauf. Nochmal 700 hm schieben und tragen. In unglaublicher Kulisse. Und es scheint, mir tut die Höhenluft gut. Teils über abenteuerliche wege mit Handseil gingen wir, während wir die Bikes schulterten. Während die anderen schnauften, ging es bei mir stetig Schritt für Schritt weiter. Bis auf 3.200 hm. So hoch war ich noch nie. Und erst recht war es bekloppt 1.800 hm sein 13 Kilo Bike zu tragen. Aber es war geil, dieser Stolz. Das Lächeln im Gesicht.

Und dann die Abfahrt. Ein Flow Gedicht auf 1.300 hm Länge, das hin und wieder von technischen Passagen mit Spitzkehren und Balanceteilen unterbrochen wurde. Matthi hatte leider erneut eine Reifenpanne, aber der Flow riss nicht ab. Mit eine der geilsten Abfahrten ever. Beendet haben wir die fast 2h dauernde Abfahrt mit einem Plattfuß an Jörgs Bike. Mittags trafen wir Harald wieder, ein Typ, der uns seit 3 Tagen immer wieder begegnet.

Der zweite Aufstieg

Was nun kam, war – wie Tourguide Matthi später sagte – eine komplette Tagesetappe mit weiteren 1.200 hm Aufstieg. Es war allerdings schon halb 4 als wir los fuhren. Und ich fuhr schlecht. Keine Kraft mehr in den Beinen. Die flachen Forstwege – egal wie sanft der Anstieg war – waren zu viel für mich. Ich schob, und während die anderen einen Vorsprung von guten 15 Minuten oder 6 Spitzkehren heraus fuhren, hächelte ich hinterher. Ich hörte nur noch meinen eigenen Herzschlag.

Als ich mich an schöne Dinge wie Martina erinnerte, kam ein bisschen meiner Kraft zurück.
Und dann geschah es wieder, völlig in Trance versetzt begann ich bei exakt 2.200 hm drei Gänge hoch zu schalten und ich zog an den anderen Vorbei als hätte ich ein eBike unter den Füßen. Und ich schoss weiter, wo die anderen schoben und trugen pedalierte ich. Ich kann es nicht erklären, aber die folgenden 800 hm fuhr ich wie Jan Ulrich, und es war auf einmal Kraft in den Beinen vorhanden, die nicht zu erklären ist. Domi war am letzten trage Anstieg am Ende, und so lief ich sogar nochmal 30 hm runter um sein Bike ein Stückchen zu übernehmen.

Wir kamen pünktlich 10min vor Sonnenuntergang auf dem Pass an, schossen Fotos und hatten dann nur noch 200 hm und geschätzte 15 Kilometer zur Unterkunft. Einmal bei Sonnenuntergang auf einem Berggipfel zu sein, zählte ebenso wie einen Sonnenaufgang am Gipfel zu erleben, zu meinen bisherigen Träumen. Wieder einen erfüllt. Der Preis: Wir saßen ungelogen 13h im Sattel. Was für ein geiler Tag! Dieser Tag hat bei uns allen das Limit, von dem man glaubte, es sei das Ende, verschoben!

show GPX File - Tag 4
volle Distanz: 45007 m
Gesamtanstieg: 3173 m
Gesamtzeit: 13:20:00
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Tag 5: Rifugio Savoia ⇨ Le Breuil ⇨ Villeneuve ⇨ Gerbore

Rifugio Savoia (2.536 hm) ⇨ Le Breuil (1.970 hm) ⇨ Villeneuve (650 hm) ⇨ Gerbore (1.630 hm)

Donnerstag 18. August 2017

Die Abfahrt war krass. Es war als MTB4 gekennzeichnet, was quasi bedeutet, dass es so steil und verblockt zur Sache geht, dass Wanderer ohne Stöcke dort nicht hoch gehen und dass gelegentlich mal hier und da ein Handlauf montiert ist. Biken im Aostatal ist nichts für blutige Anfänger.

Ich konnte es selbst kaum fassen, wo wir gerade runter fahren und noch viel weniger, dass ich einen sehr großen Teil davon tatsächlich fahren konnte und auch gefahren bin. Nur wenn es um Spitzkehren, die Stufen von 50 cm oder mehr beinhalten ging und es an der Seite so tief runter ging, dass man im Falle eines Falls den Notruf gar nicht mehr zu wählen bräuchte, stieg ich sicherheitshalber ab. Dennoch habe ich an diesem Tag so viel an Technik dazu gelernt, dass mir normale MTB2 Trails jetzt schon fast als flowig vorkommen 🙂

Eine Auffahrt von 1.100 hm hatten wir zu unserer Unterkunft noch vor uns. Die waren zwar auf Teer, also normalerweise angenehm, aber es hatte gute 30°C und es war ein Süd Hang ohne Schatten. Ich musste richtig kämpfen. Es war grenzwertig. Zwar war die Unterkunft perfekt idyllisch, aber die Hitze forderte ihre Opfer. Linus konnte wegen Hitzschlags nichts zu Abend essen. Und für den morgigen Tag gibt es kein Frühstück, da die Pension nur die Übernachtung anbietet und weit und breit keine weitere Zivilisation zu finden ist. Und natürlich durfte eine reifen Panne (Plattfuss bei Jörg) und eine abgebrochene Speiche (bei Johann) nicht fehlen.

show GPX File - Tag 5
volle Distanz: 57093 m
Gesamtanstieg: 2962 m
Gesamtzeit: 09:06:39
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Tag 6: Gerbore ⇨ Col Citrin ⇨ Aosta

Gerbore (1.630 hm) ⇨ Col Citrin (2.484 hm) ⇨ Citrip Di Mezzo (2.020 hm) ⇨ Aosta (570 hm)

Freitag, 18. August 2017

Der Morgen war herrlich schön und geschlafen hatten wir alle prächtig. Auch Linus hatte wieder Farbe und war zurück im Leben. So richtig Lust auf weitere 1.700 hm hatte keiner mehr. Aber es gab eben noch diesen einen Pass zu bezwingen. Die Beine waren schwer wie Blei und es ging nur schleppend voran. Und obwohl Linus fit wie immer fuhr, konnte er nach ein paar Höhenmetern ins Tal zum Hotel abfahren. Alleine das war schon ein riesen Stück Arbeit für seinen Zustand. Hut ab vor der Leistung. Für uns ging es weiter mit tragen und schieben in der prallen Sonne. Zwar war diese Etappe eher eine leichte, aber die Summe der vorherigen Tage machte sie zur echten Qual für mich. Am meisten merkten wir es in unseren Waden. Um so stolzer waren wir als wir unseren letzten Pass erreicht haben.

Summa summarum sind wir 9.800 hm und 230 km in 6 Tagen geradelt. Bei unserem ersten Alpencross waren es gute 10.000 hm und 300 km. Im Endeffekt sind wir damals also deutlich flacher bergauf und bergab gefahren, oder umgekehrt ausgedrückt: wir waren dieses Mal 30% steiler unterwegs 🙂 Biken im Aostatal  ist für harte Jungs.

show GPX File - Tag 6
volle Distanz: 43079 m
Gesamtanstieg: 2315 m
Gesamtzeit: 07:27:00
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